Sehen, hinsehen, ansehen

Zitate aus dem Zeitungsartikel zum Thema Licht und Wohlfühlen

 

Noch Tausende Jahre später kann die richtige Lampe an der richtigen Stelle dafür sorgen, dass man sich in den eigenen vier Wänden zu Hause fühlt. Wer nach einem Umzug sein Wohnzimmer eine Zeit lang mit einer nackten Glühbirne beleuchtet hat, weiß das. Alle Lieblingsmöbel können an ihrem Platz stehen, richtig gemütlich wird es erst, wenn die passende Lampe hängt oder steht. „Eines der Ziele einer guten Beleuchtung ist es, dass sich der Mensch darin genauso wohl fühlt wie bei natürlichem Licht“, erklärt Michele Rami vom Stuttgarter Licht­planungsbüro Candela. Eine einzelne Birne an der Zimmerdecke reicht dafür nicht aus. Auch in der Natur kommt die Sonne als Kombination aus dem weichen, gebroche­nen Licht des Himmels und einzelnen, leben­digen Strahlen auf der Erde an. Um Innenräumen buchstäblich in einem guten Licht erstrahlen zu lassen, gehören laut Rami in jedes Zimmer drei unterschied­liche Arten von Licht: Raumlicht zum Sehen, Akzentlicht zum Hinsehen und Stim­mungslicht zum Ansehen. „Verschiedene Situationen brauchen unterschiedliche Lichtwirkungen“, sagt der Experte. Im Ess­bereich werde das besonders deutlich. Be­vor das gemeinsame Mahl beginne, sei das diffuse Raumlicht besonders wichtig. Es sorge – etwa über einen Deckenfluter – für die Grundhelligkeit beim Tischdecken oder beim Empfang der Gäste. Der Besuch kann alles sehen. Es gibt keine tiefdunklen Ecken, vor denen er sich unbehaglich fühlt. Beim Essen sorgt eine Pendelleuchte über dem Tisch für die Akzentbeleuchtung. Diese erhellt die Tischplatte und lässt den restli­chen Raum in den Hintergrund treten. Die Personen am Tisch können sich zwar gegenseitig gut erkennen, werden aber nicht geblendet. Nach dem Essen werden Raum­und Akzentlicht gedimmt. Eine Steh-oder Wandleuchte sorgt dann für gemütliche Stimmung, die Kerze auf dem Tisch kommt dabei besser zur Geltung. Das macht die Gespräche persönlicher und intensiver. Eine sündhaft teure High-Tech-Beleuch­tung sei dafür nicht zwingend erforderlich, sagt Rami. Im Gegenteil: Weniger ist oft mehr. „Durch die technischen Möglichkei­ten verlernen wir, über den richtigen Ein­satz von Licht nachzudenken.“ Viele kost­spielig eingebaute Leuchtsysteme würden nie genutzt, weil sie entweder zu kompli­ziert zu bedienen seien oder nicht die gewünschte Stimmung erzeugten. Für die Wirkung des Lichts ist nicht nur die Lampe entscheidend. „Licht funktioniert nur in Verbindung mit dem Material“, erklärt Rami. Mit einem Glastisch etwa lasse sich das Gefühl einer gemütlichen Tafel nur sehr schwer erzeu­gen. „Da fehlt die Reflexion.“ Auch entstehe in einem Raum mit Sichtbetonwän­den automatisch ein kühleres Licht, wäh­rend eine Natursteinfassade ein warmes Streiflicht zurückwerfe. Wer dies in seine Überlegungen einbezieht, findet das Licht, das er sucht. Ansonsten erzeugt man nur Lichtverschmutzung.

Auch Michele Rami ist davon überzeugt, dass künstliches Licht die Sonne nie ganz ersetzen kann. „Wir betreiben einen unge­heuren Aufwand, nur um die Natur zu imitieren.“ Wer dieser Tage gähnend den Sommer herbeisehnt, weiß, dass dies nur unzureichend gelingt.

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